Pfarre Cyrill & Method | Gedanken am 14.5.2020 – Wer ist mein Nächster? Nationalismus und Globalismus
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Gedanken am 14.5.2020 – Wer ist mein Nächster? Nationalismus und Globalismus

Gedanken am 14.5.2020 – Wer ist mein Nächster? Nationalismus und Globalismus

Im Zuge der Coronakrise und des vorhergesagten wirtschaftlichen Einbruchs der Wirtschaft, werden Rufe in sozialen Medien und von Politikern laut, die nationale Wirtschaft zu unterstützen: in Österreich produziertes zu kaufen, in Österreich Urlaub zu machen, usw. Zur Liebe des Heimatlandes kommt noch der Gedanke der Versorgungssicherheit dazu. Nach Schließungen von Grenzen für Tourismus, Grenzkontrollen und Verzögerungen von internationalen Lieferungen, taucht der Gedanke auf: Wenn wir nicht auf internationale Lieferketten vertrauen können, müssten wir doch die nationale Landwirtschaft unterstützen, und so die Versorgung sichern.

Vieles spricht schon für regionalen Einkauf, nicht zuletzt um die Umweltkosten von längeren Transportwegen zu vermeiden (wobei der Transport per Güterzüge oder auch Lastwagen von Lebensmittel aus unseren Nachbarländern nur ein Bruchteil des gesamten CO2-Ausstoßes ausmacht — andere Faktoren wie z.B. die Verwendung von Dünger, die mit hohen Energiekosten erzeugt werden, machen noch viel mehr aus). Ich halte auch viel von echter Nahversorgung, wie auch Selbstversorgung, also Produktion im eigenen Haushalt, und möchte einige Möglichkeiten in diesem Sinne nachgehen.

Wenn auch die Probleme von ungezügelter Globalisierung und internationalem Handel durch die Krise ans Licht getreten sind, kann eine Verstärkung von nationalistischem Denken auch verschiedene Gefahren bringen.

Im Blick auf die Versorgung hat freier internationaler Handel auch seine Vorteile. In den letzten Jahrhunderten waren Hungersnöte in Europa seltener als zuvor, nicht zuletzt wegen der Handelsnetze und dem Vertrauen darauf. Bei einem schlimmen Ernteausfall kann es dazu kommen, dass man Saatgut konsumiert und Zuchttiere schlachtet, mit verheerenden Folgen für die Folgejahre. Wo die politische und wirtschaftliche Situation es ermöglicht, funktioniert es, rasch und unkompliziert Lebensmittel aus fernen Ländern Güter zu bekommen, die von extremer Kälte, Hitze oder Dürre nicht so betroffen sind. Das bringt einen größeren lokalen Ernteausfall, einen gewissen wirtschaftlichen Schaden, aber keine Versorgungsschwierigkeiten.

Wenn (vielleicht auch infolge von Klimawandel) die Hälfte von Österreich ein wirklich schlechtes Erntejahr hätte, würde man sich wohl auch in Österreich freuen, dass es nahezu selbstverständlich ist, Lebensmittel von anderen Ländern durch verlässliche Lieferketten kaufen zu können, ohne dass man bei ausländischen Regierungen betteln müsste, internationale Lieferungen anzukurbeln.

Wenn wirtschaftliche Nöte von österreichischen Betrieben als Grund gebracht wird, regional zu kaufen oder zu konsumieren, stellt sich für mich die Frage, ist der österreichische Bauer z.B. mehr wert ,als der ungarische oder der italienische Bauer? (Die Frage der Qualität ist eine andere Frage — es ist schon möglich, dass ärmere Ländern unter Druck stehen, mehr zu produzieren, auch auf Kosten der Qualität.) Andere Länder leiden auch unter wirtschaftliche Konsequenzen der Coronakrise. Wäre hier nicht eher mehr Solidarität gefragt als weniger?

Ich könnte mir ein EU-weites Qualitätssiegel, so wie vielleicht die Angabe von CO2-Ausstoß (oder CO2-Steuer), als einen Teil der Lösung vorstellen. Die Themen sind aber sehr komplex, und die richtigen und realistischen Lösungen sicher auch sehr komplex.

1Kommentar
  • Heinz Hödl
    Veröffentlicht um 14:32h, 15 Mai Antworten

    Lieber Joseph,
    danke für dieses Thema. Ja, du hast recht, denn als kleines Land sind wir in manchen Bereichen der Landwirtschaft von Importen abhängig, in anderen Bereichen brauchen wir die Exporte. So zum Beispiel in der Viehwirtschaft, vor allem bei Milch und Fleisch. Weil jetzt die Grenzen zu Italien geschlossen sind, können unsere Bauern Milch und Rindfleisch nicht nach Italien exportieren, es kommt zu Überschüssen und Preisverfall. Dabei müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass Österreich aufgrund der alpinen Landwirtschaft auf großen Flächen eigentlich nur Viehwirtschaft betreiben kann. Es braucht eine ausgewogene Bilanz von Importen und Exporten, das heißt offene Grenzen und Solidarität zwischen den Handelspartnern. Klar ist, dass im Winter nicht Sommer-Gemüse von Chile importiert werden muss. Weit wichtiger ist die Art und Weise der Produktion, so ist die biologische Landwirtschaft Klima schonender und nachhaltiger als die intensive Landwirtschaft. Auch möchte ich noch die bäuerliche Landwirtschaft ansprechen, Die ab Hof Vermarktung hat eine zusätzliche Wertschöpfung, die zu einen guten Teil auch beim Produzenten bleibt. Problematisch ist die Preispolitik der Supermärkte, die vor allem Fleisch als Lockmittel verwenden und mit Preisen unter den Produktionskosten kalkulieren. Wer zahlt drauf? Der bäuerliche Produzent. Hat ein Haushalt in den 1960-iger Jahren noch ca. 30 % und mehr für Nahrung ausgegeben, so sind das heute nur mehr etwa 11%. Das bedeutet, dass Nahrung uns Konsumenten immer weniger Wert ist. Da braucht es ein Umdenken seitens der Märkte und eine Veränderung seitens der Konsumenten.
    Wichtig ist aber allgemein, dass wir als Land oder Region, soweit als möglich gut mit unserem Boden umgehen. Gerade in Österreich werden täglich große Flächen, denke über 10 Fußballfelder zubetoniert…wohin führt das?

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