Pfarre Cyrill & Method | Gedanken am 6.4.2020 – Chancen nützen oder Ausnützen
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Gedanken am 6.4.2020 – Chancen nützen oder Ausnützen

Gedanken am 6.4.2020 – Chancen nützen oder Ausnützen

In der jetzigen Krise überlegen viele, welche Lehren man daraus ziehen könnte, oder wie aus der Krise positive Änderungen kommen könnten. Ich habe selber auch in den letzten Tagen einiges in diesem Sinne geschrieben:

  • Chance für die Kirche – Einige Chancen für positive Entwicklungen in der Kirche liegen in der Krisensituationen
  • “Normales Leben” — Anregung, ob wir manches, was den aktuellen außerordentlichen Zustand prägt, zurück in das “normale Leben” nehmen wollten, ob solches doch nicht normal sein könnte/sollte
  • Perspektivenwechsel – Die Kehrseite einer Schattenseite ist die Sonnenseite, in fast allem können wir etwas Gutes finden, wenn wir es suchen

Ein Austausch zwischen zwei Theologen, wo auch die Kritik geäußert wurde, einer würde die Not der Menschen instrumentalisieren (Links zu einigen dieser Artikeln unten), lies mich etwas näher über den Unterschied zwischen “Gutes suchen und finden” und “Not ausnützen” nachdenken.

Auf Englisch gibt es den Spruch “Never let a good crisis go to waste”, der oft die eher negative Bedeutung hat, dass man eine schlimme Krisensituation ausnützt, um seinen eigenen Zielen zu verfolgen. Hier liegt nicht die Not der Menschen im Mittelpunkt der Überlegungen, Ziel der Überlegungen ist nicht, ihnen zu helfen; ihre Not ist ein reines Instrument, um etwas zu erreichen, das man ohnehin erreichen wollte.

Wer mit den betroffenen und seiner Not (auch der eigenen) beginnt, darf das Beste aus einer schlimmen Situation zu machen oder Schönes darin finden, gerade der Notleidenend wegen. Denn so ein Umdenken hilft das vorhandene eigene oder fremde Leid zu mildern, indem es das Leid relativiert oder Sinn gibt. Das ist also auch eine Weise, das Leid und die Not ernst zu nehmen und dagegen zu wirken.

Von möglichen positiven Entwicklungen zu träumen oder denken, kann auch den am meisten betroffenen Hoffnung geben und einen Sinn in ihrer Not sehen. Solche Hoffnung können trösten und eine seelische Hilfe sein, die nicht ersetzt, sondern ergäntz die praktischen, medizinischen, sozialen und wirtschaftlichen Hilfen, die Menschen in einer Krise wie die jetzige brauchen.

Wenn wir genau durch eine solche Krise Schwachpunkte in einem System (z.B. eine globalisierte, wirtschaftlich liberale Gesellschaft, oder auch die Kirche) erkennen, und auf positive Änderungen hoffen, erkennen wir die jetzige Not als exemplarisch für künftige ähnliche Nöte, die entstehen können. Und die wollen wir deswegen vermeiden, weil wir grundsätzlich solches Menschenleid verhindern wollen, also auch das jetzige. Hier wird wohl eine Chance in einer jeztigen Krise erkannt, sie wird aber nicht ausgenützt, sondern über jetzige Lösungen hinaus erhofft man dauerhafte Lösungen.

Theologisch gesehen, geht es letztendlich darum, “Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden” (Ignatius von Loyola), in dem Vertrauen, “dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht.”

Karwochenliturgie im Zeichen von Covid-19 – eine vertane Chance (Johann Pock)
Warum Do-it-yourself-Messen keine Antwort auf die Krise sein können (Jan-Heiner Tück, kritische Stellungsnahme zu dem oben genannten Artikel)
Die Kirchentradition sollte in der Krise helfen statt zu verbieten (Antwort von Johann Pock)

2 Kommentare
  • Regina Nonnis
    Veröffentlicht um 17:33h, 06 April Antworten

    “In einer Krise soll man keine Entscheidungen treffen, sondern das Vertraute (die Gewohnheit) weiter pflegen”, rät der Hl. Ignatius von Loyola). Das trifft sicher – ganz in deinem Sinne, lieber Joseph – auch auf unsere derzeitige Krise und die von manchen geforderten Liturgiereformen zu.
    Trotzdem: der Ruf nach Erneuerung auf verschiedensten Ebenen bis zur Zulassung, den gibt es schon SEHR LANGE! Es wäre schön, wenn diese herausfordernde Zeit nicht nur zu einem Umdenken in der Gesellschaft, sondern auch zu ein Umdenken in der Kirchenleitung führen würde.
    Das “allgemeine Priestertum” kann nicht nur dort gefordert werden, wo es wegen Strukturreformen plötzlich notwendig wird, sondern sollte in allen Bereichen unseres Glaubens gültig sein.

  • Heinz Hödl
    Veröffentlicht um 17:55h, 06 April Antworten

    Lieber Joseph,
    Du bist mit deinem sehr interessanten Kommentar in eine wichtige Debatte eingetreten. Wenn man dann auch noch die Beiträge von Prof. Pock, Prof. Tück und Prof. Bogner liest, dann sieht man noch genauer und auch schonungsloser, dass unsere Verantwortlichen in Rom und in den Bischofskonferenzen sich wenig bis gar nichts zutrauen. Du schreibst am Ende deines Kommentars: „Wenn wir genau durch eine solche Krise Schwachpunkte in einem System (z.B. eine globalisierte, wirtschaftlich liberale Gesellschaft, oder auch die Kirche) erkennen, und auf positive Änderungen hoffen, erkennen wir die jetzige Not als exemplarisch für künftige ähnliche Nöte, die entstehen können… Hier wird wohl eine Chance in einer jetzigen Krise erkannt, sie wird aber nicht ausgenützt, sondern über jetzige Lösungen hinaus erhofft man dauerhafte Lösungen.“
    Dazu möchte ich ergänzen bzw. deine Gedanken erweitern: Wenn die jetzige Krise Schwachpunkte in einem System KIRCHE erkennen lässt, dann ist es ja auch legitim diese Chance für eine Erneuerung der Kirche zu erhoffen, ja zu erbitten! Genau das wollen zum Beispiel Prof. Pock und Prof. Bogner.
    Auch der Beitrag von Regina Nonnis ist in dieser Richtung zu verstehen.
    Prof. Pock schreibt ja am Ende seiner Replik auf Prof. Tück: „Die Frage wird sein: Und was verändert sich theologisch angesichts dieser Krise, die aus so vieler Hinsicht einmalig ist? Die wahren Dramen spielen sich aktuell ja nicht in der Liturgie ab, sondern bei den Ärmsten, in den Flüchtlingslagern, in jenen Ländern, deren Gesundheitssystem nicht so gut ausgerüstet ist wie in den meisten westlichen Ländern. Hat das einen Einfluss auf unser Feiern, jenseits einer Karfreitagsfürbitte?“

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